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Tagebuch

10. Dezember 2014

Geschrieben von Uli Schilf am 10.12.2014
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Zum ersten Mal habe ich keine Schlaftablette genommen. Ich bin zwar eingeschlafen, aber dennoch oft wach geworden. Das lag an zwei Dingen: Um kurz vor 23 Uhr wurde ich wach, weil jemand an meiner linken Hand herumfummelte. Es war die Nachtschwester, die erfolglos versuchte, mir über die Braunüle das Antibiotikum zu verabreichen. Als die intravenöse Gabe nicht funktionierte, bekam ich das Mittel in Tablettenform. Die Schwester meinte, die Kollegen von der Morgenschicht könnten sich ja kümmern. Außerdem beschloss mein neuer Zimmernachbar, mitten in der Nacht den Fernseher einzuschalten. Meine Einwände wollte oder konnte er nicht hören. Rücksichtnahme sieht anders aus.

Heute Morgen lief die Braunüle übrigens wieder. Meine CT-Ergebnisse kenne ich immer noch nicht. Mein Nachbar ist gerade zur Visite gerufen worden. Auf meinen fragenden Blick antwortete die Schwester: "Sie noch nicht, Herr Schilf." Diese Warterei ist das Schlimmste. Gefrühstückt habe ich schon.

Nun mache ich mir bereits Gedanken darüber, ob meine Entlassung noch vor Heiligabend erfolgen kann. Wenn ich morgen operiert werde, brauche ich nach den bisherigen Erfahrungen noch etwa 10-12 Tage, bis die Wunde samt Schwellung einigermaßen abgeheilt ist. Ich hoffe nur inständig, dass keine weiteren Komplikationen auftreten. Mein Zimmernachbar hat sich verabschiedet. Er durfte nach nur einer Nacht wieder nach Hause. Aber ich werde sicher nicht lange alleine bleiben.

10:00 Uhr: Ich bin gerade von der Visite bei Frau Park zurück. Die Wunde wurde noch einmal desinfiziert und neu verpflastert. Zu meiner großen Erleichterung hat die CT offenbar nichts Negatives ergeben. Es hat also noch nichts gestreut. Nun muss ich um 12:00 Uhr in die Prämedikation zum Aufklärungsgespräch bei den Anästhesisten. Frau Park will auch noch nach Abschluss ihrer Visite ein Aufklärungsgespräch über die morgige Operation mit mir führen.

14:20 Uhr: Gerade bin ich mit dem Mittagessen fertig geworden. Aber der Reihe nach: Das Aufklärungsgespräch über die OP führte nicht Frau Park, sondern Herr Petersen. Er teilte mir mit, dass geplant ist, die rechte Ohrspeicheldrüse "radikal" zu entfernen. Der Schnitt wird sich an der bisherigen Naht orientieren, aber etwas verlängert werden, weil auch benachbarte Halslymphknoten entfernt werden sollen. Dabei ist es wohl erforderlich, auch den Gesichtsnerv zu opfern. Das hat zur Folge, dass es zu Bewegungseinschränkungen der rechten Gesichtshälfte kommt. Wenn das der Fall ist, bleibt diese Seite gelähmt und gefühllos. Die Mundbewegungen sind dann nicht mehr symmetrisch, das rechte Auge kann nicht mehr geschlossen werden und die Stirn kann ich auch nicht mehr runzeln. Unter Umständen kann eine sichtbare Eindellung der Wange bestehen bleiben. Kurzum: Vermutlich werde ich nach der OP ganz anders aussehen, als man mich jetzt kennt. Denen, die mich vorher kannten, stelle ich mich aber gerne noch einmal namentlich vor. Jutta sagt gerade, dass dann nicht mehr die rechte, sondern die linke Seite meine "Schokoladenseite" wird. Um 12:00 Uhr waren wir dann pünktlich zum Anästhesiegespräch angetreten. So pünktlich hätten wir gar nicht sein müssen, denn ich kam erst um 13:15 Uhr dran. Das Procedere war im Wesentlichen das gleiche wie in der letzten Woche. Die Operationszeit in der letzten Woche betrug anderthalb Stunden, während für die morgige OP fast 3 Stunden angesetzt sind. Danach werde ich auch nicht gleich auf die Station zurückkommen, sondern wie beim letzten Mal die Nacht auf einer Halbintensivstation (Inter Medical Care) verbringen.

15:00 Uhr: Neue Nachrichten von der Tumorkonferenz: Offenbar sind von den 5 Ästen des Gesichtsnervs mindestens 4 befallen. Damit ist klar, dass der Gesichtsnerv auch entfernt wird. Der Oberarzt Dr. Lörincz erzählte, dass er mich am letzten Dienstag operiert und die OP abgebrochen hat, weil ersichtlich wurde, dass der Tumor bösartig war. Morgen wird mich Dr. Münscher, ebenfalls Oberarzt, operieren.

Ursprünglich wollte man einen Teil des Nervs rekonstruieren. Das wird aber nun nicht mehr gehen, weil nicht nur der Mundast befallen ist, sondern weite Teile des Gesichtsnervs. Sie wollen aber versuchen, zwei Schlaufen zur Hebung des rechten Mundwinkels anzubringen, damit das Essen und Trinken erleichtert wird. In einer späteren OP soll dann durch das Einsetzen eines Goldplättchens in das rechte Augenlid das Schließen des Auges ermöglicht werden. Es heißt dann also nicht mehr "Goldfinger", sondern "Goldauge". Jutta will mich nun doch behalten, weil ich im Wert steige (trotz sinkendem Goldpreis). Der Dr. Lörincz sagte, dass er damit rechne, dass ich bei gutem Verlauf Ende nächster Woche entlassen werden könne. Der endgültige Befundbericht, der darüber entscheidet, ob Bestrahlungen notwendig sind, wird etwa 7-10 Tage nach der OP vorliegen. Die Bestrahlung könnte dann aber auch in Flensburg durchgeführt werden.

Aber ernsthaft: Wenn ich ein Zwischenfazit ziehen soll, dann ist es so, dass der anfänglichen Euphorie von heute Morgen schon ein bisschen Enttäuschung folgt - oder anders ausgedrückt - in den Wein ist nun doch etwas viel Wasser gegossen worden.

20:05 Uhr: Jutta ist gerade gefahren. Inzwischen weiß ich, dass die OP für morgen auf 12:20 Uhr terminiert wurde. Mein OP-Hemd und das besonders sexy aussehende Netzhöschen liegen schon bereit. Schwester Angelique, eine besonders nette und fröhliche Person hat mir für den morgigen Tag alles Gute gewünscht und mich ermahnt, morgen mitzuspielen, damit ich nächste Woche entlassen werden kann. Und Jutta darf sie jederzeit ab 14:00 Uhr anrufen, sie gibt dan immer Bescheid, wie der Stand der Dinge ist.

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