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Tagebuch

26. Februar 2016

Geschrieben von Uli Schilf am 26.02.2016
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Heute ist wieder so ein komischer Tag. Äußerlich betrachtet sieht er nach Frühling aus. Wenn ich aus meinem Arbeitszimmerfenster - mit einem durch ein Segelschiffmodell eingeschränkten Blick -schaue, dann sehe ich das Spiel des Lichts und des Schattens auf der Parkfläche vor unserem Haus. Die Sonne, wird manchmal durch vorbeiziehende Wolken verdeckt, aber auch immer wieder freigegeben. Wenn ich aufstehe und nach rechts aus dem Fenster schaue, sehe ich das blaue Band der Förde. Dann denke ich: Wie lange kannst du das noch anschauen? Die Augen werden dann schon feucht. Manchmal denke ich auch: Darf man seine innersten Gedanken einem Internet-Tagebuch anvertrauen? Ich habe mich dafür entschieden, mir aber immer vorbehalten, selbst zu entscheiden, was ich da an Gefühlen äußere. Durch die vorliegende Diagnose verändert sich vieles: auch im Denken. Manchmal geht es ganz gut. Ich übe mit Jutta den Umgang mit unserem Online-Banking-Programm. Bisher war das immer meine Domäne. Der gesamte Mailverkehr rund um die Buchung unserer Ferienwohnung war bisher auch immer meine Aufgabe. Meistens gehe ich bei diesem "Training" ganz "cool" damit um. Es ist ja gut, wenn das nicht nur einer kann. Natürlich ist das auch der Tatsache geschuldet, dass ich möglicherweise in ein paar Monaten nicht mehr da bin. Komischerweise belastet mich das nicht so sehr. Anders ist es, wenn ich aus dem Fenster in die schöne Landschaft schaue oder wenn man sich einfach in den Arm nimmt und in diesem stillen Augenblick darüber nachdenkt, wie lange man das wohl noch kann. Da ist so etwas wie vorauseilende Trauer und vielleicht auch Verlustangst. Dabei denke ich nach wie vor, dass ich keine Angst vor dem Tod habe. Trotzdem kommen Gedanken, die ich oft weit von mir gewiesen habe. Gibt es eine Existenz über das reale Leben hinaus? Mein Physiotherapeut erzählte mir am letzten Dienstag, dass man in den Hospizeinrichtungen früher (oder auch heute noch?) die Fenster in den Zimmern von Sterbenden aufgemacht habe, um den Geist herauszulassen. Das ist vielleicht ein tröstliches Gefühl, dass da noch etwas bleibt von einem. Andererseits hat die Vorstellung, dass mit dem Tod alles (also auch die schlimmsten Erfahrungen) sein Ende findet, auch nichts Bedrohliches - nur etwas Verstörendes.

Jutta, meine Schwester und ich haben seit dem letzten Herbst eine Ruhestätte in einem Friedwald gefunden. So wie es zur Zeit aussieht, werde ich der Erste sein, der dort einzieht. Auch diese Entscheidung beinhaltet ja die Vorstellung, dass man nach dem Tode noch beieinander bleibt. Zumindest wird man nicht heimatlos.

Jetzt gehe ich auf unseren Balkon und schaue auf die Förde. Vielleicht schreibe ich später noch weiter.

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